Wahrnehmungsfehler und Beobachtungsfehler

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Wahrnehmungsfehler und Beobachtungsfehler sind für pädagogische Fachkräfte von großer Bedeutung. Es gibt viele verschiedene Fehler in der Wahrnehmung, welche die Beobachtung möglicherweise verzerren. Da die professionelle Wahrnehmung für das pädagogische Handeln eine Grundlage darstellt, ist es so wichtig, dass pädagogische Fachkräfte die gängigsten Beobachtungsfehler und Wahrnehmungsfehler kennen. Daher schauen wir uns in diesem Beitrag die 8 gängigsten Fehler in der Beobachtung und Wahrnehmung an. Zum Thema menschliche Wahrnehmung findest du hier einen ausführlichen Beitrag.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler?

Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler treten bei so ziemlich jedem Menschen auf. Nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im Alltag. Wirklich objektiv zu beobachten ist schwer und verlangt viel Übung. Wird die Beobachtung des Menschen mit falschen Interpretationen vermischt, können daraus falsche Informationen geschlossen werden. Man spricht von einem Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler, wenn es zu einer Fehlleistung (häufig in Form von den eben angesprochenen subjektiven Falschinterpretationen) beim Beobachten von Verhalten kommt. Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler basieren auf der subjektiven Wahrnehmung oder Bewertung des Beobachters.

Warum sollte man die Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler kennen?

Für die Professionalisierung des Beobachtungsprozesses im pädagogischen Kontext ist es hilfereich das eigene Verhalten hinsichtlich der gängigsten Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler zu reflektieren. Es ist also ein theoretisches Wissen dieser Fehler notwendig, aber ebenso die Reflektion des eigenen Verhaltens auf diese Fehler.

Die Beobachtungsfehler entstehen aufgrund der subjektiven Wahrnehmung von Menschen, diese lässt sich nicht einfach abstellen. Daher ist es zur Reduzierung von Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehlern zwingend notwendig diese zu kennen und sich diese immer wieder bewusst zu machen. Praktisch ist, dass sich dies nicht nur im pädagogischen Alltag anwenden und üben lässt, sondern in Bereich in dem man auf Menschen trifft.

Beobachtungsfehler Wahrnehmungsfehler

Die 8 Wahrnehmungsfehler und Beobachtungsfehler

Es gibt unzählige Verzerrungsmöglichkeiten und potenzielle Fehler bei der Beobachtung und Wahrnehmung. Diese wurden in unterschiedlichen Ausführungen zu sogenannten Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler zusammengefasst. Neben den in diesem Beitrag aufgeführten Fehler, gibt es noch weitere

Der Einstellungsfehler

Beim Einstellungsfehler wird die eigene Meinung vom Beobachter generalisiert und zum Maßstab genommen. Die Beobachtung wird also auf Grundlage der Einstellung des Beobachters interpretiert.

Beispiel:
Eine Erzieherin erlebt beispielsweise, dass einige Jungs in ihrer Gruppe wilder und aktiver spielen als die Mädchen. Sie bildet sich eine Meinung über Jungs und generalisiert diese, bewertet zukünftig unbewusst das Verhalten von Jungs unter dieser Grundlage. In einer Beobachtungssituation mit einem ansonsten sehr ruhigen Jungen wird die Beobachtung der Erzieherin aufgrund des Einstellungsfehlers verfälscht.

Halo Effekt

Beim Halo Effekt wird aufgrund einzelner Eigenschaften einer Person auf andere
Eigenschaften der Person geschlossen. Es wird also aufgrund einer einzelnen beobachteten Eigenschaft auf das gesamte Verhalten der Person geschlossen. Beispiele kann eine bestimmte Verhaltensweise sein, aber auch das Alter, das Geschlecht, eine Behinderungsform, der soziale Status und vieles mehr. Aufgrund einer dieser Eigenschaften werden falsche Schlüsse gezogen, die eine Eigenschaft überdeckt sozusagen die Individualität der Person. Der Halo Effekt tritt häufig auf, ist aber auch nicht immer von Nachteil. Der Halo Effekt wird auch als „Heiligenscheineffekt“ bezeichnet. Es kann also auch zu positiven Gesamtschlüssen aufgrund einer einzeln beobachteten Eigenschaft kommen.

Beispiel:
Stell dir vor du hast dich verletzt und kommst in die Notaufnahme. Jetzt stell dir 2 Varianten vor; Die Ärztin trägt einen weißen Kittel oder die Ärztin trägt ein T-Shirt, eine Jogginghose und hat einen kaputten Schuh. Du wirst dich sehr wahrscheinlich von der Ärztin im Kittel behandeln lassen wollen, obwohl die Kleidung wirklich gar nichts mit den medizinischen Kompetenzen der Ärztin zu tun hat.

Mildeeffekt und Strengeeffekt

Bei diesen Fehlern wird auf bestimmte Verhaltensweisen beim Beobachteten mehr Gewicht gelegt. Die Verhaltensweise wird unbewusst entschuldigt oder unbewusst verurteilt. Bei dem Mildeeffekt werden erwünschte Verhaltensweisen übergewichtet. Beim Strengeeffekt unerwünschte Verhaltensweisen.

Beispiel:
Ein Kind hat vor längerer Zeit seinen Vater durch einen Unfall verloren, die Erzieherin hat dies ebenfalls sehr getroffen. Unbewusst entschuldigt die Erzieherin aufgrund von Sympathien dem Kind gegenüber ein mögliches Fehlverhalten. Ein anderes Kind kommt aus einer sehr reichen und elitären Familie, die Eltern sind der Erzieherin wirklich unsympathisch. Die Erzieherin beobachtet unbewusst strenger das Verhalten des Kindes und verurteilt Kleinigkeiten stärker als bei anderen Kindern.

Wahrnehmungsfehler Mildeeffekt Strengeeffekt

Kontrastfehler

Um den Kontrastfehler gibt es häufig etwas Verwirrung. Das liegt daran, dass es je nach Fachgebiet (Pädagogik, Psychologie, BWL usw.) unterschiedliche Bedeutungen gibt. Ein Kontrastfehler in der Pädagogik und Psychologie entsteht dann, wenn ein Verhalten oder eine Eigenschaft beobachtetet wird, welche die beobachtende Person bei sich selbst nicht vorfindet und bei der zu beobachtenden Person übergewichtet. Das Verhalten oder die Eigenschaft bei der zu beobachtenden Person steht also im Kontrast zum Beobachter. Dadurch wird die Beobachtung und Wahrnehmung verzerrt.

Beispiel:
Eine Erzieherin beobachtet ein Kind, welches schnell Kontakt zu anderen fremden Kindern knüpft und schnell Anschluss findet. Die Erzieherin selbst ist eher introvertiert und ihr fällt es schwer auf fremde Personen zuzugehen. Der Erzieherin fällt das Verhalten des Kindes daher auf, es steht im Kontrast zu ihr. Sie beschreibt das Kind als sehr kontaktfreudig und sozial.

Primacy Effekt (auch erster Eindruck)

Der Primacy Effekt stellt ein Gedächtnisphänomen dar. Dieser Effekt besagt, dass dem ersten Eindruck einer Person deutlich mehr Gewichtung geschenkt wird als den folgenden Eindrücken.

Wenn der erste Eindruck einer Person negativ ist, dann werden die darauffolgenden Eindrücke der Person vom ersten Eindruck sozusagen überschattet, auch wenn sie objektiv gesehen positiv verlaufen. Wenn der erste Eindruck einer Person positiv ist, dann werden die darauffolgenden Eindrücke der Person durch ersten Eindruck sozusagen entschuldigt, auch wenn sie objektiv gesehen negativ verlaufen. In beiden Fällen ist ein Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler aufgetreten, die Beobachtung ist nicht objektiv.

Recency Effekt (auch letzter Eindruck)

Neben dem ersten Eindruck ist auch der letzte Eindruck prägend und kann die beobachtete Gesamtheit einer Person verzerren.

Beispiel:
Steht ein Elterngespräch an und das Kind war kurz vor dem Gespräch im Gruppenalltag wirklich anstrengend und hat sämtliche Regeln gebrochen, dann ist die Möglichkeit gegeben, dass die pädagogische Fachkraft im Elterngespräch aufgrund des letzten Eindrucks ein verzerrtes Gesamtbild des Kindes wiedergibt.

Fehler zur zentralen Tendenz

Bei dieser Fehlerart wird sich an einem Mittelwert orientiert. Das kann zum Beispiel auftreten, wenn extreme Wertungen vermieden werden sollen. Es kann auch zu dem Fehler der zentralen Tendenz kommen, wenn nicht genügend Beobachtungen oder Daten vorliegen, wenn die pädagogische Fachkraft einen bestimmten Bereich zum Beispiel nicht gezielt beobachtet hat. Dann wäre es ein Fehler sich am Durchschnitt zu orientieren oder eine neutrale mittlere Einschätzung abzugeben. 

Beispiel:
Ein Kind ist im sozial emotionalen Bereich sehr auffällig, dem Erzieher ist es unangenehm dieses Extrem so zu benennen und mildert die Beobachtung ab und orientiert sich am durchschnittlichen Verhalten der anderen Kinder. 

Beobachtungsfehler und Wahrnehmungsfehler

Projektionsfehler

Zu einem Projektionsfehler kommt es, wenn die eigenen Einstellungen, Erfahrungen, Probleme und Eigenschaften auf die zu beobachtende Person übertragen und auf dieser Grundlage bewertet werden.

Beispiel:
Die Eltern eines Erzieher haben sich in seiner Kindheit getrennt. Er ist bei einer sehr strengen Mutter mit autoritärerem Erziehungsstil aufgewachsen. Insgesamt führt der Erzieher aber ein sehr glückliches Leben. Ein Projektionsfehler wäre es, wenn der Erzieher seine Erfahrung als Scheidungskind auf seine professionelle Rolle als pädagogische Fachkraft bezieht und alle Scheidungskinder der Einrichtung mit besonders autoritärem Verhalten versucht zu erziehen. Er projiziert dann seine Erfahrungen auf die Lebenswelt der Kinder.

Wahrnehmungsfehler Beobachtungsfehler Projektionsfehler

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