Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn beschäftigt sich damit, Gruppenprozesse so zu gestalten, dass Lernen, Zusammenarbeit und persönliche Entwicklung in einem ausgewogenen Verhältnis möglich werden. Das Modell besagt, dass eine gute Interaktion entsteht, wenn Ich (Person), Wir (Gruppe), Es (Thema/Aufgabe) und das Globe (Umfeld/Rahmenbedingungen) in Balance stehen.
In diesem Beitrag möchte ich dir die themenzentrierte Interaktion anhand eines Beispiels einfach darstellen, außerdem schauen wir uns die Grundlagen, die Regeln, die Axiome und die Postulate der themenzentrierten Interaktion genau an. Am Ende des Beitrags findest du eine Zusammenfassung zur Themenzentrierten Interaktion nach Cohn und zusätzlich weiterführende Literatur und seriöse Quellen.
Inhaltsverzeichnis
Was genau ist die themenzentrierte Interaktion?
Die themenzentrierte Interaktion (kurz TZI) wurde von der deutschen Psychologin Ruth Cohn entwickelt. Dabei stellt die themenzentrierte Interaktion vor allem ein Handlungskonzept zur Arbeit mit Gruppen und Teams dar. Das vorrangige Ziel dabei ist das soziale Lernen und die Förderung persönlicher Entwicklung und Fortschritte mit dem jeweiligen Themengebiet der Gruppe.
Das Konzept findet vor allem in der Erwachsenenbildung Anklang. Nicht selten werden Inhalte des Konzepts beispielsweise in pädagogischen Teams, Weiterbildungen, Fortbildungen, Seminaren und Co. unbewusst angewandt.
Das Wissen (aber vor allem die Anwendung) der Inhalte des Konzepts hilft dabei, die Gruppen- und Teamarbeit lebendiger zu gestalten und eine hohe Beteiligung der Teilnehmenden am Gruppen- und Teamprozess zu ermöglichen.
Das Vier Faktoren Modell der themenzentrierten Interaktion
Fundamental bei dem Konzept ist das sogenannte Vier-Faktoren-Modell; dies wird teilweise auch als TZI-Dreieck bezeichnet, gemeint ist aber das Gleiche.
Das Vier-Faktoren-Modell unterliegt der Annahme, dass jede Gruppe und jedes Team von vier Faktoren bestimmt ist: zum einen vom ICH, dem WIR, dem ES und dem GLOBE. Schauen wir uns die Begriffe einmal genau an.
Das ICH
Das ICH beinhaltet die einzelnen Personen der Gruppe. Dazu zählt die individuelle
Biographie der Person, mit den Erlebnissen, den Erfahrungen, den Fähigkeiten, der
Ausbildung und so weiter. Also alles was die Person prägt. Es zählt aber auch die jeweilige Tagesform der Person.
Das WIR
Das WIR beschreibt die Interaktion der Gruppe. Dazu gehören das Gruppengefüge, die Gruppendynamik und die Beziehung der Personen untereinander und zueinander.
Das ES
Das ES beschreibt das Thema der Gruppe. Das Thema der Gruppe schafft Aufgaben und Zuständigkeiten für die Personen. Es sollte weit genug formuliert sein, damit sich jeder angesprochen fühlt, aber auch so begrenzt, dass es Orientierung und Struktur gibt.
Das GLOBE
Der vierte Faktor, welcher auf Gruppen und Teams einwirkt, ist das GLOBE. Dies beschreibt das Umfeld der Gruppe, also institutionelle, organisatorische, wirtschaftliche, kulturelle Aspekte usw.
Die Aufgabe der Team- und Gruppenleitung
Die Leitung begleitet das Team oder die Gruppe und hat vor allem die vier Faktoren des Modells im Blick. In der Themenzentrierten Interaktion wird davon gesprochen, dass es eine dynamische Balance zwischen diesen vier Faktoren geben sollte. Dies ist die Aufgabe der Leitung.
Praktisches Beispiel themenzentrierte Interaktion
Ein Kita-Team trifft sich in einer Dienstbesprechung und plant das anstehende Sommerfest. Das Kita-Team besteht aus vielen einzelnen Personen, die alle individuell sind und eigene Erfahrungen, Kompetenzen und Fähigkeiten mitbringen; das ist das „ICH“.
Für die Planung des Sommerfests, welches im Vier-Faktoren-Modell das „ES“ darstellt, ist aber auch relevant, wie die Stimmung und Dynamik im Team ist.
Vor allem hinsichtlich der Planung des anstehenden Sommerfests: Wie stehen die einzelnen Mitglieder zueinander? Gibt es Konflikte? Wie sahen vorherige Planungen in dem Team aus usw.? Das ist das „WIR“.
Und dann das „GLOBE“, also das Umfeld und die Umstände: Ist noch genug Zeit bis zum Sommerfest? Gibt es einen hohen Krankenstand im Team, und wird die Planung dadurch erschwert? Wie ist die Bereitschaft seitens der Eltern, mitzuarbeiten? Welche Ressourcen stellt der Träger zur Verfügung und so weiter? All diese Punkte wirken auf den Gruppen- und Teamprozess ein und entscheiden am Ende über den Erfolg.
Axiome der themenzentrierten Interaktion
Axiome sind Grundannahmen, die nicht mehr bewiesen oder begründet werden müssen. Sie sind sozusagen das Fundament, auf dem etwas fußt. In der Themenzentrierten Interaktion gibt es drei Axiome. Diese drei Axiome übernehme ich vom Ruth Cohn Institut.
Das 1. Axiom
Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum gleichermaßen autonom und interdependent.
Die Autonomie des Einzelnen ist umso größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewusst ist. Dieses Axiom wird auch kurz mit dem Begriff Autonomie beschrieben.
Das 2. Axiom
Achtung gebührt allem Lebendigen und seinem Werden und Vergehen. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll; Inhumanes ist wertbedrohend. Dieses Axiom wird auch kurz mit dem Begriff Wertschätzung beschrieben.
Das 3. Axiom
Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Eine Erweiterung dieser Grenzen ist möglich. Dieses Axiom wird auch kurz mit dem Begriff Grenzen erweitern beschrieben.
Die Postulate der themenzentrierten Interaktion
Postulate sind Forderungen, welche sich aus Axiomen ergeben. Der themenzentrierten Interaktion liegen zwei Postulate zu Grunde.
1. Postulat: Sei deine eigene Chairperson, die Chairperson deiner selbst.
Damit ist die Aufforderung gemeint, dass jede Person eigene Verantwortung trägt und jede Situation als ein Angebot ansehen sollte, eigene Entscheidungen in den Gruppenprozess einzubringen. Die Person trägt also Verantwortung für das eigene Tun, aber auch für das eigene Lassen.
2. Postulat: Störungen haben Vorrang
Dies ist als Forderung und Ermutigung zu verstehen, dass alle Gruppenmitglieder Störungen und Konflikte direkt benennen und offenlegen sollen.
8 Hilfsregeln und Werte der themenzentrierten Interaktion
Ruth Cohn hat für eine gelingende Gruppen- und Teamarbeit acht Hilfsregeln und Werte formuliert. Dabei ist es ihr wichtig, dass diese Regeln und Werte nicht als Gesetz und Verpflichtung angesehen werden, sondern eher als Hilfe.
Jede Gruppe und jedes Team hat eigene Dynamiken und ist unterschiedlich. Ein Zitat von Cohn lautet: „Hilfsregeln helfen, wenn sie helfen“ – das bedeutet, dass die gleich genannten Hilfsregeln nur genutzt werden sollten, wenn sie der Gruppe und dem Prozess auch wirklich dienen.
Regel 1: Vertritt dich selbst in deinen Aussagen
Sprich in der Ich-Form, nicht mit „wir“ oder „man“. Bleibe also bei dir und deiner Perspektive, verstecke dich nicht hinter einem unspezifischen „man“.
Regel 2: Wenn du eine Frage stellst, dann gebe eine kurze Info dazu, wieso du fragst und was die Frage für dich bedeutet
Meist sind es Fragen, um etwas zu verstehen oder Prozesse weiterzuführen. Die kurze Info hilft dem Gruppenprozess; so machst du deine Frage persönlicher und klarer für die anderen.
Regel 3: Sei authentisch und selektiv in deiner Kommunikation
Du solltest dir also bewusst machen, was du denkst, was du fühlst und wie du zu Dingen stehst. Wähle und überlege, was du sagst und tust.
Regel 4: Halte dich mit Interpretationen und Bewertungen anderen gegenüber möglichst zurück
Frage lieber nach weiteren Informationen als voreilig zu urteilen oder zu interpretieren. Es hilft, wenn du deine persönliche Reaktion auf etwas klar verbalisierst.
Regel 5: Sei zurückhaltend mit Verallgemeinerungen
Verallgemeinerungen vereinfachen Dinge und führen häufig zu Vorurteilen, sie stören dem Gruppenprozess hinsichtlich der Bearbeitung einer Thematik oder Aufgabe.
Regel 6: Wenn du über eine andere Person sprichst, beispielsweise über ihr Verhalten oder ihre Charakteristik, dann sage immer, was dir dies bedeutet
Das verhindert, dass vorschnell über Personen geurteilt wird oder sie direkt in eine Schublade gesteckt werden, zusätzlich wird der Fokus nicht auf eine Verallgemeinerung gelegt, sondern lediglich auf deinen persönlichen Eindruck und dein Empfinden
Regel 7: Seitengespräche zwischen einzelnen Personen, sind wichtig und sollten in der Gruppe ausgesprochen werden
Seitengespräche stören den Gruppenprozess, das sollte allen bewusst sein. Finden sie dennoch statt, dann müssen sie wichtig sein und in der gesamten Gruppe kommuniziert werden.
Regel 8: Es spricht nur eine Person.
Jeder sollte die Möglichkeit haben, zu einer Thematik etwas sagen zu können. Aber es sollte darauf geachtet werden, dass nicht unterbrochen wird oder Personen in ihrer Kommunikation und Interaktion unterbunden werden.
Zusammenfassung Themenzentrierte Interaktion nach Cohn
Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) von Ruth Cohn ist ein praxisnahes Modell für Gruppen- und Teamarbeit, das soziales Lernen, persönliche Entwicklung und effektive Zusammenarbeit fördert.
Kern ist das Vier-Faktoren-Modell: ICH (Individuum), WIR (Gruppe), ES (Thema/Aufgabe) und GLOBE (Umfeld/Struktur). Eine dynamische Balance dieser Faktoren ist entscheidend.
TZI basiert auf Axiomen wie Autonomie, Wertschätzung und Grenzen erweitern und den daraus abgeleiteten Postulaten, die Verantwortung, Mitwirkung und Konfliktbenennung in der Gruppe fördern.
Ergänzend geben acht Hilfsregeln Orientierung für offene, respektvolle Kommunikation, Reflexion und aktive Beteiligung.
Die Themenzentrierte Interaktion wird besonders in der Erwachsenenbildung, in pädagogischen Teams, Seminaren und Fortbildungen angewendet und hilft, Teamdynamik zu steuern, Konflikte zu erkennen und den Gruppenprozess erfolgreich zu gestalten.
In diesem Blogbeitrag zur Themenzentrierten Interaktion nach Cohn wurden dir folgende Fragen beantwortet:
Was ist die Themenzentrierte Interaktion (TZI)?
Was bedeuten die vier Faktoren ICH, WIR, ES und GLOBE?
Was sind die Axiome und Postulate der TZI?
Welche Hilfsregeln und Werte gibt es nach Ruth Cohn?
Wie kann TZI in der Praxis angewendet werden?
Quellen zur Themenzentrierten Interaktion nach Cohn
Hier findest du passende seriöse Quellen und Fachliteratur. Du kannst die Literatur und Fachbücher als Quellen für deine nächste Hausarbeit, Facharbeit, Abschlussarbeit oder Präsentation verwenden. Diese Quellen wurden zum Teil auch für diesen Blogbeitrag genutzt. So wird eine hohe fachliche Qualität gewährleistet.
Cohn, R. C. (1975). Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion: Von der Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle. Stuttgart: Klett‑Cotta.
Löhmer, C., & Standhardt, R. (Hrsg.). (1993). TZI: Pädagogisch‑therapeutische Gruppenarbeit nach Ruth C. Cohn. Stuttgart: Klett‑Cotta.
Langmaack, B. (2000). Themenzentrierte Interaktion: Einführung und Texte rund ums Dreieck (4. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Schneider‑Landolf, M., Spielmann, J., & Zitterbarth, W. (Hrsg.). (2009). Handbuch Themenzentrierte Interaktion (TZI). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Kanitz, A. v., Lotz, W., & Kollegen (Hrsg.). (2015). Elemente der Themenzentrierten Interaktion (TZI): Texte zur Aus‑ und Weiterbildung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Über den Autor: Simon Wieking
Simon Wieking ist Gründer des Erzieherkanals – Deutschlands größter Online-Lernplattform für angehende pädagogische Fachkräfte. Der ausgebildete Erzieher hat ein Bachelor Studium in Pädagogik und ein Master Studium in Bildung und Gesundheit abgeschlossen. Mehr als zehn Jahre Berufserfahrung in Kita, Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragter an einer Bochumer Universität.
Mit dem Erzieherkanal verbindet Simon Theorie und Praxis auf eine praxisnahe, leicht verständliche Weise. Sein Ziel ist es, Auszubildenden und Fachkräften komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten und sie optimal auf ihre Ausbildung und die Arbeit in der Praxis vorzubereiten.