Die neun Stufen der Partizipation beschreiben, in welchem Ausmaß Kinder und Jugendliche an Entscheidungen beteiligt sind. Das Modell reicht von Nicht-Partizipation über Vorstufen der Beteiligung bis hin zu echter Mitbestimmung, bei der Kinder aktiv mitentscheiden und Verantwortung übernehmen.
Aber Partizipation – was ist das eigentlich? Vor allem in der Kita, im Kindergarten und allgemein in der Pädagogik ist Partizipation ein gängiger Begriff. Viele Fachkräfte haben eine vage Vorstellung davon, was Partizipation eigentlich genau bedeutet und beinhaltet. In diesem Beitrag wollen wir uns daher die Partizipation anschauen und werfen dabei ganz konkret einen Blick auf die neun Stufen der Partizipation.
Am Ende des Beitrags findest du eine Zusammenfassung zu den 9 Stufen der Partizipation und zusätzlich weiterführende Fachliteratur und seriöse Quellen zum Thema Partizipation.
Inhaltsverzeichnis
Was genau ist Partizipation?
Der Begriff Partizipation bedeutet so viel wie Teilhabe, Einbeziehung, Beteiligung und Mitbestimmung. Partizipation ist kein rein pädagogischer Begriff. Es gibt Partizipation auch in anderen Bereichen, beispielsweise in der Politik durch die Möglichkeit von Wahlen.
In Kindertagesstätten betrifft Partizipation vor allem die Kinder, aber auch sämtliche Kollegen und Kolleginnen sowie die Eltern der Kinder. Mittlerweile ist Partizipation in den Bildungs- und Orientierungsplänen der einzelnen Bundesländer fest verankert und verpflichtet damit Einrichtungen aus dem pädagogischen Bereich, dass alle Personen partizipieren sollen.
In Kindertagesstätten gibt es beispielsweise Kinderkonferenzen, in denen Kinder in wichtige Themen einbezogen werden und diese mitgestalten dürfen, etwa die Gruppenregeln. Dasselbe gilt in der Kinder- und Jugendhilfe. Das Kind oder der Jugendliche darf beispielsweise beim Hilfeplanverfahren mitentscheiden und mitgestalten, was in Zukunft mit ihm passiert, welche Ziele verfolgt werden usw.
Partizipation charakterisiert sich unter anderem auch dadurch, dass der Mensch in die für ihn relevanten Entscheidungsprozesse miteinbezogen wird und die Möglichkeit hat, diese mitzugestalten.
Partizipation ist einerseits deshalb gut, weil so nicht einfach über den Kopf von Menschen in den für sie relevanten Bereichen des Lebens hinweg entschieden wird, andererseits liegt in der Partizipation an sich eine sehr entwicklungsfördernde Komponente für den Menschen.
Kommt es zu Partizipation, dann betrifft dies meist mehrere Menschen, beispielsweise bei den Gruppenregeln in der Kita, den Hausregeln in der stationären Wohneinrichtung oder beim Hilfeplanverfahren. Dadurch lernt der Mensch soziale Fähigkeiten, er muss sich mit anderen Menschen abstimmen, mit ihnen sprechen und kommunizieren, Standpunkte und Blickwinkel anderer wahrnehmen und verstehen und gleichzeitig kooperativ und im Dialog eine Entscheidung für sich treffen. Gleichzeitig merkt der Mensch, dass er etwas bewirken kann, es kommt zu wertvollen Selbstwirksamkeitserfahrungen und zur Verinnerlichung, dass die eigene Stimme etwas wert ist. Einer der Grundpfeiler unserer Demokratie.
Die 9 Stufen der Partizipation
Es gibt unterschiedliche Modelle zu den neun Stufen der Partizipation. Inhaltlich sind diese jedoch gleich, nur die Begrifflichkeiten der einzelnen Stufen unterscheiden sich teilweise.
Ich beziehe mich auf ein Partizipationsmodell nach Wright. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass es kein Stufenmodell im klassischen Sinne ist. Das bedeutet, dass nicht erst jede Stufe durchlaufen werden muss, um eine höhere zu erreichen. Ansonsten würde jede Einrichtung und jedes soziale Konstrukt damit starten, dass keine Mitbestimmung und Teilhabe herrscht, was fatal wäre. Es ist also auch möglich, dass direkt in einer höheren Stufe gestartet wird. Fangen wir dennoch in der ersten Stufe an:
Geschenk für dich! Kostenlose PDF
Der Erzieherkanal möchte dir dabei helfen, deine pädagogische Ausbildung mit Bestnote zu bestehen. Deshalb haben wir ein kleines Geschenk für dich, welches dir das Lernen erleichtern soll!
In der kostenlosen PDF findest du eine Übersicht der wichtigsten Theorien aus Pädagogik und Psychologie. Zu jeder Theorie gibt es einen Link zum passenden Lernvideo und einen weiteren Link zu einem Blogbeitrag, den du zum Nachlesen nutzen kannst.
Lade dir die PDF-Übersicht kostenlos über das Formular herunter und erleichtere dir so die Prüfungs- und Klausurphasen! Viel Spaß und viel Erfolg beim Lernen!
Partizipation Stufe 1: Instrumentalisierung
Auf dieser Stufe spielen die Bedürfnisse, Wünsche und Belange der Zielgruppe keine Rolle. Die Entscheidungen werden nicht von der Zielgruppe getroffen, sondern von einigen Wenigen oder sogar von Einzelpersonen. Oft wird die Zielgruppe instrumentalisiert oder sogar manipuliert.
Die Zielgruppe weiß selbst gar nicht, worum es überhaupt geht. Ein Beispiel könnte sein, dass eine Organisation Spenden sammeln will und dazu Kinder einsetzt, da über diesen Weg mehr Spenden eingehen. Die Kinder haben ansonsten keinen Nutzen für die Organisation.
Partizipation Stufe 2: Die Anweisung
Die zweite Stufe ist der ersten Stufe noch sehr ähnlich. Auch hier sind die wirklichen Bedürfnisse, Wünsche und Belange der Zielgruppe irrelevant. Die Entscheidungsträger nehmen zwar wahr, was für die Gruppe gut oder schlecht ist, was sie braucht und was sie möchte, entscheiden darf die Gruppe selbst aber nicht. Die Gruppe wird dazu auch nicht befragt, dies legen die Entscheidungsträger fest. Es gibt kein Mitspracherecht und keine Gestaltungsmöglichkeit für die Zielgruppe.
Beispiel: In einem Behindertenwohnheim entscheiden die pädagogischen Fachkräfte, wie der Tag gestaltet wird. Wann gegessen wird, was gegessen wird, ob es Ausflüge gibt und wann die Bewohner und Bewohnerinnen beispielsweise müde zu sein haben, die Aussagen der Bewohner und Bewohnerinnen werden nicht berücksichtigt. Die Anweisungen der Fachkräfte erfolgen direktiv und vorschreibend.
Partizipation Stufe 3: Die Information
Bei der dritten Stufe wird die Zielgruppe über anstehende Entscheidungen informiert. Es gibt keine direkte Einflussmöglichkeit auf die Entscheidungsprozesse durch die Zielgruppe, lediglich eine Auswahl durch die von den Entscheidungsträgern vorgegebenen Möglichkeiten. Die Entscheidungsträger legen vorab fest, welche Auswahlmöglichkeiten der Zielgruppe zur Verfügung gestellt werden, an dieser Auswahl ist die Zielgruppe nicht beteiligt.
Beispiel: In einer Wohneinrichtung der Kinder- und Jugendhilfe haben die Jugendlichen die Möglichkeit, beim Mittagessen zwischen Nudeln und Reis zu entscheiden. Andere Entscheidungen werden nicht berücksichtigt, beispielsweise direkte Essenswünsche, wann und ob überhaupt Mittag gegessen wird und so weiter.
Partizipation Stufe 4: Die Anhörung
Bei der vierten Stufe interessieren sich die Entscheidungsträger für die Wünsche, Belange und Bedürfnisse der Zielgruppe. Wenn die Entscheidungsträger dazu bereit sind und Lust darauf haben, hören sie sich die Bedürfnisse der Zielgruppe an. Jedoch legen die Entscheidungsträger fest, ob die Aussagen der Zielgruppe Beachtung finden.
Um an das Beispiel von eben anzuknüpfen: Die Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe fragen die Kinder, was sie essen möchten. Die Kinder wünschen sich selbstgemachte Pommes. Den Fachkräften ist dies zu aufwändig, und es gibt dennoch Nudeln. Hätten sich die Kinder Nudeln oder Reis gewünscht, hätten sie diese bekommen. Es geht also nicht darum, gegenteilig zu agieren, sondern einfach darum, dass pro forma gefragt wird, die Entscheidung dennoch bei den Fachkräften liegt.
Partizipation Stufe 5: Die Einbeziehung
Diese Stufe ist der vierten Stufe sehr ähnlich. Die Entscheidungsträger interessieren sich für die Belange der Zielgruppe. Es gibt einen Sprecher oder eine Sprecherin, der oder die stellvertretend für die Zielgruppe antwortet und die Wünsche und Bedürfnisse äußert. Dieser wird von den Entscheidungsträgern ernster genommen als die gesamte Zielgruppe, dennoch liegt die endgültige Wahl bei den Entscheidungsträgern.
Im Prinzip dasselbe Beispiel wie bei Stufe 4, nur dass die Kinder der Gruppe vorab einen Sprecher oder eine Sprecherin ausgewählt haben, der oder die mit den Entscheidungsträgern spricht.
Partizipation Stufe 6: Die Mitbestimmung
In Stufe 6 der Partizipation kommt es zu einem Austausch zwischen den Entscheidungsträgern und der Zielgruppe bzw. einer Vertretung der Zielgruppe. Der Austausch ist ernsthaft und auf Augenhöhe, es werden maßgebliche Aspekte abgestimmt, und es kann zu Verhandlungen kommen.
Nehmen wir das Beispiel mit dem Essen und dem Wunsch der Kinder nach selbstgemachten Pommes: Es könnte zu Verhandlungen kommen, beispielsweise dass die Kinder selbst wichtige Aufgaben beim Einkaufen übernehmen, die Kartoffeln schälen und für die Zubereitung – natürlich mit Unterstützung – zuständig sind. Die Zielgruppe hat auf dieser Stufe erstmals wirklich aktiven Einfluss auf den Entscheidungsprozess und das Ergebnis.
Partizipation Stufe 7: Teilweise Übertragung von Entscheidungskompetenz
Bei dieser Stufe kommt es dazu, dass der Zielgruppe in bestimmten Teilbereichen die volle Entscheidungskompetenz übertragen wird. Die Verantwortung und Tragweite liegt dennoch bei den eigentlichen Entscheidungsträgern, beispielsweise bei den pädagogischen Fachkräften einer Einrichtung.
Beispiel: In einem Kindergarten wird eine Gruppe neu aufgemacht. In den Prozess sollen die Kinder mit einbezogen werden. So könnten die Kinder beispielsweise zu 100 % selbst in dem Teilbereich entscheiden, wie ihre Gruppe heißen soll.
Partizipation Stufe 8: Entscheidungsmacht
Die Personen aus dieser Zielgruppe dürfen selbstbestimmt und gleichberechtigt Entscheidungen treffen und umsetzen. Die Personen, die in vorherigen Stufen als Entscheidungsträger bezeichnet wurden, sind dennoch weiterhin beteiligt, beispielsweise dadurch, dass sie die partizipativen Strukturen festigen und die Zielgruppe bei Bedarf im Entscheidungsprozess unterstützen. Sie haben jedoch keine bestimmende oder direktive Rolle, sondern sind begleitend und unterstützend tätig.
Unterteilung der ersten 8 Stufen der Partizipation
An diesem Punkt des Stufenmodells lässt sich gut eine Einteilung vornehmen.
- In Stufe 1 und 2 findet keine Partizipation statt, die Personen sind fremdbestimmt.
- Stufe 3, 4 und 5 beschreibt die Vorstufen der Partizipation.
- In Stufe 6,7 und 8 spricht man von Stufen der Partizipation.
Jetzt fragst du dich sicher, was mit der letzten Stufe, der Stufe 9 ist. Diese Stufe geht über die Partizipation hinaus, gehört aber dennoch zum Stufenmodell der Partizipation.
Partizipation Stufe 9: Selbstverwaltung
Auf dieser Stufe setzen die Menschen aus der Zielgruppe Projekte in eigener Verantwortung um. Sie treffen alle Entscheidungen selbst. Diese Stufe schließt alle Formen von Initiativen ein, die von der Zielgruppe selbst konzipiert und durchgeführt werden. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt bei der Zielgruppe.
Beispiel: Die Kinder und Jugendlichen einer stationären Wohngruppe könnten beispielsweise eine Gruppe gründen, die sie selbst organisieren und verwalten, ohne dass pädagogische Fachkräfte dabei sind. Diese Gruppe könnte über das Bestehen der Zeit in der Kinder- und Jugendhilfe hinausgehen. Eine Jugendbande oder ein selbstorganisierter Jugendclub wäre ein Beispiel.
Zusammenfassung Partizipation in Kitas und die 9 Stufen
Partizipation bedeutet Teilhabe, Mitbestimmung und Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Fachkräften in Entscheidungen, die sie betreffen.
In der Pädagogik ist Partizipation zentral, um soziale Kompetenzen, Selbstwirksamkeit und demokratisches Handeln zu fördern.
Das Partizipationsmodell nach Wright beschreibt neun Stufen:
von Fremdbestimmung über Vorstufen der Beteiligung (Stufen 3–5) bis zu echter Partizipation (Stufen 6–8) und selbstbestimmter Projektumsetzung (Stufe 9).
Auf höheren Stufen können Kinder und Jugendliche aktiv mitgestalten, verhandeln und eigene Projekte eigenverantwortlich umsetzen.
Partizipation ist ein wesentlicher Bestandteil pädagogischer Arbeit und ein Grundpfeiler demokratischer Bildung.
Folgende Fragen wurden dir in diesem Beitrag zum Thema Partizipation beantwortet:
Was bedeutet Partizipation in der Kita, im Kindergarten und in der Pädagogik?
Warum ist Partizipation für Kinder, Jugendliche und Fachkräfte wichtig?
Welche Zielgruppen können in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv partizipieren?
Was sind die neun Stufen der Partizipation nach dem Modell von Wright?
Wie unterscheiden sich Vorstufen der Partizipation von echten Partizipationsstufen?
Wie können Kinder und Jugendliche bei Entscheidungen aktiv mitbestimmen und mitgestalten?
Welche Rolle übernehmen Fachkräfte bei der Umsetzung von Partizipation?
Quellen zur Partizipation in der Pädagogik
Hier findest du passende seriöse Quellen und Fachliteratur. Du kannst die Literatur und Fachbücher als Quellen für deine nächste Hausarbeit, Facharbeit, Abschlussarbeit oder Präsentation verwenden. Diese Quellen wurden zum Teil auch für diesen Blogbeitrag genutzt. So wird eine hohe fachliche Qualität gewährleistet.
Hart, R. A. (1992). Children’s participation: From tokenism to citizenship. UNICEF International Child Development Centre.
Wright, M. T., & Taylor, C. (2014). Partizipation in der Sozialen Arbeit: Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS.
Deutsches Jugendinstitut (DJI). (2019). Partizipation in Kindertageseinrichtungen: Handlungsempfehlungen für Fachkräfte. DJI.
Prengel, A. (2011). Partizipation in der frühen Bildung: Konzepte, Methoden, Praxisbeispiele. Beltz Juventa.
Nolting, H.-P. (2015). Pädagogik der Partizipation: Kinder und Jugendliche beteiligen. Kohlhammer.
Wright, M. T., Block, M., & von Unger, H. (2010). Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention: Stufen der Partizipation und Selbstorganisation. Huber.
Wright, M. T. (2020). Partizipation: Mitentscheidung der Bürgerinnen und Bürger. In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.), Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention.
Wright, M. T. (2021). Partizipative Gesundheitsforschung: Ursprünge und heutiger Stand. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 64, 140–145. https://doi.org/10.1007/s00103-020-03264-y
Über den Autor: Simon Wieking
Simon Wieking ist Gründer des Erzieherkanals – Deutschlands größter Online-Lernplattform für angehende pädagogische Fachkräfte. Der ausgebildete Erzieher hat ein Bachelor Studium in Pädagogik und ein Master Studium in Bildung und Gesundheit abgeschlossen. Mehr als zehn Jahre Berufserfahrung in Kita, Erwachsenenbildung und als Lehrbeauftragter an einer Bochumer Universität.
Mit dem Erzieherkanal verbindet Simon Theorie und Praxis auf eine praxisnahe, leicht verständliche Weise. Sein Ziel ist es, Auszubildenden und Fachkräften komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten und sie optimal auf ihre Ausbildung und die Arbeit in der Praxis vorzubereiten.