Lernen am Modell – Modelllernen nach Bandura

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Das Lernen am Modell stellt eine von Albert Bandura entwickelte sozial kognitive Lerntheorie aus der Psychologie dar. Das Lernen am Modell wird auch als Modelllernen bezeichnet, gemeint ist aber das gleiche. Banduras Modell stellt im Kern dar, wie ein Mensch durch andere Personen Verhaltensweisen erlernt oder verändert. Die Erkenntnisse aus dieser sozial kognitiven Lerntheorie sind für die Psychologie und auch Pädagogik von großer Bedeutung. In diesem Beitrag schauen wir uns das Lernen am Modell nach Bandura an, dabei werden an passenden Stellen Beispiele genannt. Du wirst die Lerntheorie nach diesem Beitrag kennen und verstehen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Lernen am Modell? Was besagt Banduras Lerntheorie?

Das Lernen am Modell stellt eine sozial kognitive Lerntheorie aus dem Bereich der Psychologie dar. Das Lernen am Modell wurde von dem kanadischen Psychologen Albert Bandura entwickelt. Das theoretische Modell stellt vereinfacht gesagt dar, wie sich Menschen Dinge aneignet und sie verinnerlicht.

Die Kernaussage von Banduras Theorie besagt, dass ein Mensch dadurch lernt, dass er sich Dinge bei anderen Menschen abschaut. In der Theorie wird diese Person (von der sich der Mensch etwas abschaut) als Modell bezeichnet. Daher auch der Name, das Lernen am Modell. Dieses Modell kann eine real existierende Person sein. Bei kleineren Kindern sind dies sehr häufig die Eltern, der große Bruder oder die große Schwester, aber auch die Lieblingserzieherin usw. Es ist aber auch möglich, dass das Modell eine Person oder sogar ein Wesen ist, welches nur im Fernsehen gesehen wurde oder sogar gar nicht existiert. Superhelden, Barbie, Elsa von Eiskönigin, Profifußballer, bekannte Musiker, Schauspieler und so weiter.

Lernen am Modell Bandura

Von welchen Personen genau der Mensch Dinge lernt (also wer als Modell dient) ist dabei an Bedingungen und Anforderungen geknüpft, darauf werde ich gleich noch detaillierter eingehen. Schauen wir uns die Inhalte der Theorie genauer an.

Eine kleine Info noch vorab. Ich verwende bei diesem Beitrag Beispiele mit Kindern und Jugendlichen, die Inhalte des Lernen am Modells sind aber auch auf Erwachsene übertragbar.

Der modellierende Effekt

Der Mensch erlernt neues Verhalten vor allem von Vorbildern. Sieht ein Kind beispielsweise wie der Serienheld eine schwierige Situation heldenhaft meistert und dafür auch noch eine Menge Anerkennung erfährt, dann wird ihn das beeindrucken. Es wird dazu führen, dass sich das Kind die beobachtete Verhaltensweise möglicherweise abschaut. Diese kann dann von dem Kind in anderen Situationen abgerufen werden, beispielsweise im Rollenspiel auf dem Spielplatz.
Menschen schauen sich aber logischerweise nicht alles ab, was sie im Fernsehen oder bei anderen Vorbildern sehen. Beim Erlernen neuer Verhaltensweisen gibt es bestimmte Bedingungen:

1. das Modell muss für den Menschen wichtig genug sein
2. der Mensch muss eine gefühlsmäßige Beziehung zu dem Modell verspüren
3. das Verhalten muss von dem Menschen als erreichbar eingeschätzt werden
4. der Mensch muss sich die beobachtete Verhaltensweise zutrauen

Der enthemmende Effekt

Beim enthemmenden Effekt wird ein Verhalten dadurch ausgelöst, dass eine sogenannte Enthemmung stattfindet. Ein Verhalten welches vorab als falsch und nicht richtig eingestuft wurde, wird vom Menschen angewandt, weil er gemerkt hat, dass dies doch keine negativen Folge hat.

Beispiel enthemmender Effekt

Ein Junge (nennen wir ihn Timo) hat von gelernt, dass er nicht klauen soll. Wenn er doch klaut kommt die Polizei und es gibt großen Ärger. Timo nimmt dies sehr ernst, da es ihm sein Vater gesagt hat, dieser ist sein Vorbild und somit sein Modell. Dies hat sich über Jahre verinnerlicht.

Timo wird älter und geht mit seinem Freund Marius nach dem Freibadbesuch in einen Supermarkt. Sie kommen mit großen Hunger auf Süßes am Süßigkeitenregal vorbei, haben aber zu wenig Geld dabei. Timo kommt gar nicht auf die Idee die Süßigkeiten zu klauen, diese Verhaltensweise ist bei ihm gehemmt. Sein Freund Marius greift aber freudig zu, steckt sich die Süßigkeiten unter den Pulli und kommt damit ohne Probleme durch, er wird nicht erwischt. Marius und Timo hauen sich den Bauch voll und das vollkommen kostenlos und ohne Konsequenz.

Diese Situation wiederholt sich über Wochen immer wieder. Bis es soweit ist, dass Marius Timo dazu auffordert auch einmal Süßigkeiten einzustecken, so ist die Ausbeute höher. Timo hat mehrfach beobachtet, dass nichts passiert und klaut tatsächlich. Timos alte Verhaltensweise (nicht zu klauen) wurde abgelegt. Timo hat gelernt, dass das Süßigkeiten klauen nur Vorteile hat und nichts Schlimmes zur Folge hat (außer den über Wochen immer weiter anwachsenden Bauchumfang). Diesen Lerneffekt nennt Bandura die Enthemmung.

Der hemmende Effekt

Beim hemmenden Effekt kommt es dazu, dass eine gezeigte Verhaltensweise durch eine negative Folge oder Konsequenz als kritisch oder unbrauchbar eingeordnet wird. Dann fände eine Hemmung statt. Das wäre im vorherigen Beispiel der Fall, wenn Timo und Marius beim Klauen erwischt worden wären. Schauen wir uns aber noch ein weiteres Beispiel für den hemmenden Effekt beim Modelllernen an.

Beispiel hemmender Effekt

Nach einem weiteren erfolgreichen Süßigkeitendiebstahl gehen Timo und Marius zum Schulhof. Da treffen sie auf ihre Erzrivalen von der Schule. Diese fangen direkt an sie zu provozieren und fordern sämtliche Süßigkeiten. Timo und Marius wehren sich und es kommt zu einer wilden Klopperei. Nachbarn haben die Polizei gerufen, welche sofort die Hauerei zwischen den Jungs unterbindet. Die Polizisten bringen alle Kinder persönlich nach Hause, bis vor die Haustür. Die Eltern stellen Timo natürlich zur Rede. Timo lernt, dass aus dieser Situation, dass die gezeigte Verhaltensweise Nachteile für ihn hat und wird sie in Zukunft nicht mehr anwenden. Bei Provokation wird er lieber wegrennen hat er sich geschworen. Im Notfall auch mit einem Bauch voller Süßigkeiten. Die gezeigt Verhaltensweise (also die Klopperei) wurde durch die negative Folge gehemmt und ergibt für Timo keinen Sinn. Bandura spricht vom hemmenden Effekt.

Lernen am Modell Bandura hemmender Effekt Beispiel

Der auslösende Effekt

Unter diesem Lerneffekt versteht Bandura Verhaltensweisen, welche von Menschen nur durch bestimmte Reize und Bedingungen ausgelöst werden. Häufig geschieht dies in Gruppen, bei Jugendlichen in den sogenannten Peer Groups. Das bedeutet, dass ein Mensch eine Verhaltensweise ohne den Reiz, die Bedingung oder die Gruppe nicht zeigen würde.

Beispiel auslösender Effekt

Timo ist in der Stadt unterwegs. Diesmal nicht auf Diebestour und auch in keiner wilden Klopperei verwickelt. Er geht einfach spazieren und trifft dabei seine Schulkameradin Lena. Timo ist in Lena verknallt, nimmt all seinen Mut zusammen und winkt und grüßt sie so lieb er kann. Lena grüßt Timo zurück.

Am nächsten Tag auf dem Schulhof ist Timo mit seinen Jungs unterwegs. Diese treffen auf Lena. Timos Freunde fangen an Lena zu ärgern. Timo schließt sich seinen Jungs an und ärgert Lena auch. Timo zeigt dieses Verhalten nur, weil er mit seinen Freunden in einer Gruppe unterwegs war. Wäre er alleine, dann hätte er Lena nicht geärgert. Timos Freunde und die Gruppe wirken als Auslöser. Bandura nennt dies den auslösenden Effekt.

Modelllernen Lernen am Modell Bandura auslösender Effekt

Phasen des Lernen am Modells nach Bandura

Das Lernen am Modell lässt sich laut Bandura in zwei Phasen aufteilen. Zum einen gibt es die Aneignungsphase und zum anderen die Ausführungsphase. Diese beiden Phasen teilen sich dann wiederum jeweils in zwei Prozesse.

Das sind bei der Aneignungsphase die sogenannten Aufmerksamkeitsprozesse und die Behaltensprozesse. Bei der Ausführungsphase nennt Bandura die Reproduktionsprozesse und die Motivationsprozesse, diese werden auch Verstärkungsprozesse genannt.

Die Aneignungsphase

Aneignungsphase: Aufmerksamkeitsprozess

In diesem Prozess der Aneignungsphase muss das Kind überhaupt erstmal einem Modell seine Aufmerksamkeit schenken. Ist dies geschehen, dann beobachtet das Kind ganz genau, was das Modell tut, wie es handelt und wie es sich verhält. Die Aufmerksamkeit ist dabei jedoch nur auf die Dinge gerichtet, die das Kind auch wirklich interessieren und für ihn als relevant erscheinen. Das bedeutet, dass das Kind das Modell nicht zwingend in seiner Gesamtheit wahrnehmen muss. Wie eingangs schon erwähnt zählen als Modell so etwas wie Vorbilder, die Eltern, Geschwister, Familienmitglieder, Erzieher, Freunde, aber es sind auch Personen oder sogar Wesen möglich, welche das Kind gar nicht persönlich kennt.

Aneignungsphase: Behaltensprozess

Hat das Kind die Aufmerksamkeit auf das Modell gerichtet und für sich interessante und relevante Verhaltensweisen beobachtet, dann wird es diese im Prozess des Behaltens abspeichern. Damit das geschieht, muss das Kind aber natürlich für sich selbst einen Nutzen in dem Verhalten sehen. Manchmal ist es auch notwendig, dass eine Verhaltensweise häufiger wahrgenommen und vom Kind beobachtet werden muss, damit sie sich wirklich verankert. Ist dies geschehen, dann kann das Kind bei Bedarf auf diese Verhaltensweisen zurückgreifen und sie für sich passend einsetzen.

Aneignungsphase Lernen am Modell Bandura Beispiel

Die Ausführungsphase

Ausführungsphase: Reproduktionsprozess

Wurde die Verhaltensweise aufmerksam beobachtet und abgespeichert, dann kommt es in der Ausführungsphase zum Prozess der Reproduktion. Reproduktion kann auch als Durchführung oder Anwendung bezeichnet werden. Das bedeutet, dass das Kind diese beobachtete Verhaltensweise nun das erste mal in einer für sich passenden Situation nachahmt und anwendet. Häufig werden die neuen Verhaltensweisen mehrfach erprobt und getestet.

Ausführungsphase: Verstärkungsprozess/ Motivationsprozess

Das Kind hat die Verhaltensweise also aufmerksam beobachtet, verinnerlicht und
gespeichert und dann erstmalig abgerufen und angewandt. Jetzt ist es natürlich relevant, ob diese überhaupt den gewünschten Nutzen und Vorteil mit sich bringt, welchen sich das Kind erhofft hat. Ist dies der Fall, also das Verhalten wird den gestellten Erwartungen und Vorstellungen gerecht, dann wirkt dies motivierend und verstärkend, die Verhaltensweise verinnerlicht und wird verfestigt.

Das Kind wird unbewusst checken, wie die Vor- und Nachteile gewichtet sind. Wenn dauerhaft die Nachteile überwiegen, wird das Kind die Verhaltensweise wieder ablegen. Überwiegen dauerhaft die Vorteile, wird es dieses Verhalten beibehalten. Verstärkend und motivieren kann der eigene Nutzen wirken, aber auch Reaktionen aus der Umwelt, z.B. Lob oder Strafe von den Eltern, Anerkennung von den Freunden, der Erzieherin usw.

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