Konstruktivismus in Pädagogik und Psychologie

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Der Konstruktivismus kommt aus der Erkenntnistheorie und ist vor allem für Pädagogik und Psychologie relevant. Inhaltlich befasst sich der Konstruktivismus mit der Frage, wie der Mensch Dinge wahrnimmt, wie Wissen und Informationen aufgenommen werden und wie diese in einem subjektiven und individuellen Verarbeitungsprozess organisiert werden. Aufgrund dieser Verarbeitung nimmt der Mensch die Umgebung wahr, bewertet sie und handelt dementsprechend. Ein Grundgedanke des Konstruktivismus ist, dass die Wahrnehmung hoch individuell und subjektiv ist. Im radikalen Konstruktivismus wird sogar behauptet, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, da die Wahrnehmung individuell ist. Was der Konstruktivismus genau ist, wie menschliche Wahrnehmung abläuft und was mit dem Ko-Konstruktion gemeint ist wollen wir uns in diesem Beitrag anschauen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der Konstruktivismus?

Der Konstruktivismus entspringt aus der Erkenntnistheorie. Die Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit der Frage, wie der Mensch zu Wissen und Erkenntnissen kommt. Konstruktivistische Theorien, Konzepte und Modelle zweifeln an, dass es eine objektive Wirklichkeit (im Sinne einer allgemeingültigen) gibt, welche so von Menschen einheitlich wahrgenommen wird. Vereinfacht gesagt; die Wahrnehmung und die Erlangung von Wissen und Erkenntnissen sind immer subjektiv und individuell vom Menschen abhängig.

Der Wahrnehmungsprozess des Menschen (klicke hier für einen ausführlichen Beitrag) ist komplex und von vielen Faktoren abhängig. Diese Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung und die Bewertung und Interpretation der wahrgenommenen Wirklichkeit. Hier gibt es sogenannte Beobachtungs- und Wahrnehmungsfehler (klicke hier für einen ausführlichen Beitrag). Paul Watzlawick und Jean Piaget haben den konstruktivistischen Ansatz mit ihren Arbeiten maßgeblich geprägt.

Konstruktivismus Pädagogik Psychologie

Subjektive Wahrnehmung im Konstruktivismus

Durch die aktive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt konstruiert und erschafft der Mensch seine eigene individuelle Wirklichkeit und Realität. Diese Grundannahme liegt dem Konstruktivismus zu Grunde. Im Verarbeitungsprozess der Wahrnehmung werden hier 3 Punkte genannt die elementar sind.

1. Die Umgebung wird individuell wahrgenommen
2. Die Umgebung wird individuell „aufgebaut“ und gedeutet (durch Bewertung & Interpretation)
3. Es wird individuell gehandelt und erlebt

Der persönliche Wahrnehmungsfilter

Wir haben bisher gelernt, dass die Wahrnehmung individuell ist. Aber wieso ist das so? Wir sehen doch alle das gleiche? Im Konstruktivismus spricht man vereinfacht gesagt von einem persönlichen und individuellen Filter, durch welchen der Mensch die Umwelt wahrnimmt und sie auf Grundlage dessen bewertet. Dieser Filter ist abhängig von verschiedenen Faktoren. Zu diesen Faktoren zählt die Sozialisation, die bisher gesammelten Erfahrungen im Leben, die eigene Geschichte, die eigene Entwicklung und die physischen (also körperlichen) und psychischen (also seelischen) Möglichkeiten des Menschen und vieles mehr.

Aus konstruktivistischer Sicht sind alle konstruierten Wirklichkeiten von Menschen die Realität, da jedes Individuum aus den ganz eigenen individuellen Gründen die Wahrnehmung der Wirklichkeit so bewertet und erlebt wie es nun mal tut.

Ein praktisches Beispiel für den Konstruktivismus

Diesen Beitrag über den Konstruktivismus werden über eine gewisse Zeit mehrere tausend Menschen lesen. Alle lesen den gleichen Beitrag, schauen das gleiche Video mit dem gleichen Inhalt. Dennoch wird es dazu auch tausende unterschiedliche und individuelle Meinungen und Bewertungen geben. Einige werden die Inhalte als hilfreich und lehrreich bewerten, andere vergessen die Inhalte ganz schnell wieder und wiederum andere werden den Beitrag schlecht finden. Ist der Beitrag jetzt gut? Oder schlecht? Hilfreich? Oder irrelevant? Ist die Frage überhaupt relevant? Im Konstruktivismus würde man sagen, dass dies der Mensch für sich selbst bewerten kann, diese Bewertung und Interpretation subjektiv und individuell ist.

Konstruktivismus

Wahr ist, was wahrgenommen wird

Die Wahrnehmung und Bewertung ist individuell, das lässt sich auf so ziemlich alle
Bereiche im Leben anwenden. Das bedeutet, dass es nicht um ein objektives entdecken der Wirklichkeit geht, sondern vielmehr darum, ein eigenes Bild der Welt mit den eigenen individuellen Sinneswahrnehmungen abzugleichen.

Wahr ist, was wahrgenommen wird.

Im Konstruktivismus gibt es also nicht die absolute allgemeingültige Wahrheit. Für den Menschen gibt es gute Gründe warum er die Welt so wahrnimmt wie er es tut und warum er sie so bewertet wie er es tut und warum er dementsprechend handelt.

Konstruktivismus

Was ist mit Ko-Konstruktion gemeint?

Wir haben bisher gelernt, dass die Wahrnehmung subjektiv ist und sich daraus ergibt, dass Menschen Informationen individuell wahrnehmen, verarbeiten und bewerten. Bisher haben wir bisher nur den einzelnen Menschen betrachtet.  Ein Grundsatz des konstruktivistischen Ansatzes lautet, dass der Mensch durch die eigenständige und aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt lernt. Menschen haben eine natürlich angeborene Lernneugier und gleichzeitig das Bedürfnis mit der Umwelt in Beziehung zu treten. Bei der Ko-Konstruktion geht es darum, dass Menschen im Miteinander lernen, beispielsweise durch Austausch, gemeinsame Aktivitäten oder Gruppen- und Teamarbeiten.

Spricht man von Ko-Konstruktion, dann ist damit also gemeint, dass der Mensch nicht alleine für sich die Umwelt wahrnimmt und bewertet, sondern diese Erkenntnisse in der sozialen Interaktion mit anderen Menschen abgleicht, erweitert und ergänzt. Es treffen also unterschiedlich konstruierte Wirklichkeiten von Menschen aufeinander. 

Ko Konstruktivismus

Konstruktivismus und Ko-Konstruktion in Pädagogik und Psychologie

Diese Erkenntnisse haben Auswirkungen auf die pädagogische und psychologische Arbeit. Es lassen sich 3 Grundsätze aus dem Konstruktivismus ableiten, welche für die berufliche Praxis relevant sind:

  1. Der Mensch lernt durch aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt (in seinem eigenen Tempo)
  2. Menschen konstruieren dadurch ein subjektives Bild von der Welt
  3. Diese Konstruktion kann durch sozialen Austausch angepasst werden

Auf dieser Grundlage können pädagogische Aktivitäten geplant werden. Außerdem ist es besonders wichtig, dass Lernprozesse beim Menschen individuell ablaufen. Mit Lernprozesse sind hier aber nicht nur Inhalte aus Kita, Schule und Co. gemeint, sondern sämtliche Verarbeitungsprozesse von Informationen. Dazu gehört beispielsweise auch das verinnerlichte Menschenbild, das eigene Werte- und Moralsystem, die politische Meinung und so weiter.

Es gibt also nicht die EINE Art und Weise mit der erfolgreich, nachhaltig und effizient gelernt wird. Pädagogische Fachkräften sollten immer den individuellen Blick auf den Menschen haben und ihre Aktivitäten und Angebote darauf aufbauen.

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